Thomas Bollwerk, 16.03.2010

Lehrerausbildung im Wandel

Der Ruf nach einer Reform der Lehrerausbildung ist alt, passiert ist lange Zeit allerdings wenig. Zwischen PISA-Schock und Bologna-Reform regt sich mittlerweile aber auch an Universitäten und Studienseminaren einiges.

Die gegenwärtige Lehrerausbildung mit ihrer scharfen Zweiteilung in theorielastiges Studium im "Elfenbeinturm "Universität und dem Praxisschock im Referendariat in der Schule steht spätestens seit den 1990er Jahren unter schwerem Beschuss. Absolventen der Lehramtsstudiengänge standen in der Vergangenheit oft vor einem Dilemma: Mit einem Studium, das zuungunsten der Bildungswissenschaften stark auf die Inhalte ihrer Unterrichtsfächer ausgerichtet war, und nur wenige Wochen Praxiserfahrung im Unterricht beinhaltete, die oft eher einem "Schnupperpraktikum" entsprachen, wurden diese Studierenden meist unzureichend vorbereitet in das "Abenteuer Schule" entlassen.

Von der Kritik zur Reform

Mangelnde Praxisvorbereitung

Da im Alltag einer Lehrerin oder eines Lehrers aber neben der Wissensvermittlung mindestens ebenso sehr pädagogische und didaktische Fähigkeiten gefordert sind, erlitten viele Referendare Schiffbruch. Später als notwendig entdeckten sie, dass sie den falschen Beruf ergriffen hatten. Ein Problem für alle Beteiligten: die angehende Lehrkraft ebenso wie die Institution Schule und nicht zuletzt die betroffenen Schülerinnen und Schüler.

Erste Schritte einer Reform der Lehrerausbildung

Rückblickend erweisen sich die Nullerjahre nach der Jahrtausendwende als Reformjahrzehnt. Im Jahr 2000 veröffentlichte eine Expertenkommission die von der Kultusministerkonferenz (KMK) in Auftrag gegebene Expertise zum Stand der Lehrerausbildung mit dem Titel "Perspektiven der Lehrerbildung in Deutschland". Diese Studie beinhaltete Vorschläge für eine Reform der universitären Phase der Lehrerausbildung, des Referendariats, der beruflichen Weiterbildung und der Laufbahngestaltung von Lehrerinnen und Lehrern.

Gründung von "Zentren für die Lehrerbildung"

Anschließend an diese Studie hat die KMK im Jahr 2004 Standards für die bildungswissenschaftlichen (erziehungswissenschaftlichen) Teile der Lehrerausbildung in Universität und Vorbereitungsdienst verabschiedet. Um diese Standards zu gewährleisten und das Bewusstsein für die Bedeutung der Lehrerausbildung zu schärfen, wurden in allen Ländern "Zentren für die Lehrerbildung" gegründet. Diese Zentren, die institutionell meist an die Universitäten der Region angebunden sind, befassen sich mit der Lehrerausbildung am jeweiligen Hochschulstandort. Sie machen aber darüber hinaus auch Angebote der Lehrerfortbildung, also Angebote für Lehrerinnen und Lehrer, die bereits im Beruf stehen.

Bedeutung des Bologna-Prozesses für die Lehrerausbildung

Bologna ist überall

Eine weitere wichtige und länderübergreifende Änderung im Bereich des Lehramtsstudiums, wie des Studiums generell, hat der Bologna-Prozess angestoßen. Die Bildungsminister der EU haben den Bologna-Prozess, der in einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum münden soll, im Jahr 1999 auf den Weg gebracht. Er ist gekennzeichnet durch eine Modularisierung des Studiums bei fortlaufendem Erwerb von Leistungspunkten ("Credit Points") und die aufeinander aufbauenden Studienabschlüsse Bachelor und Master.

Bachelor und Master im Lehramtsstudium

Mit dem Bachelor wird im Lehramtsstudium ein erster berufsqualifizierender Studienabschluss erreicht, der nicht unbedingt zum Lehrerberuf führt. Der darauf aufbauende Master-Studiengang ist stärker berufsfeldspezifisch ausgerichtet und vermittelt vermehrt bildungswissenschaftliche Kenntnisse und Kompetenzen. Von diesen grundsätzlichen Tendenzen abgesehen besitzt aber jedes Bundesland nach wie vor seine eigene Lehramtsausbildungsordnung.

Kritik am "neuen" Lehramtsstudium

Auch das reformierte Lehramtsstudium sieht sich von Anfang an teilweise harscher Kritik ausgesetzt, die nicht zuletzt von Studierenden und Hochschulangehörigen in den "Bildungstreiks" des Sommers 2009 geäußert wurde. In einem Beschluss der KMK vom 15. Oktober 2009 werden auf Seiten der Kritiker des Bologna-Prozesses die folgenden Kritikpunkte ausgemacht:

•

stoffliche Überfrachtung, zu hohe Anwesenheitspflicht und Prüfungsdichte im Gefolge zunehmender Strukturierung und "Verschulung" des Studiums

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zu geringe Ausnutzung der Bandbreite der Regelstudienzeiten für Bachelor- und Master-Studiengänge

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Zugang zum Master-Studium (Leistungsvoraussetzungen, Kapazitäten, "Quotierung")

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restriktive Anerkennung von Studien- und Prüfungsleistungen, unzureichende Äquivalenzregelungen in den Studien- und Prüfungsordnungen

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Verschlechterung der nationalen und internationalen Mobilität

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Akzeptanz des Bachelors als ersten, berufsqualifizierenden Abschluss

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aufwändige Akkreditierungsverfahren

•

Studienbeiträge in mehreren Bundesländern

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Vorreiter NRW?
Am radikalsten hat das Land Nordrhein-Westfalen seine Lehrerausbildung umgebaut, die Reform ist am 26. Mai 2009 in Kraft getreten.

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Weiterführende Links
Auf dieser Seite haben wir einige weiterführende Linktipps zur Lehrerausbildungsreform gesammelt.

 
 
 
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